Am 17. April 2018 bereiten Flugkapitänin
Tammie Jo Shults und ihr 1. Offizier
Darren Ellisor einen ganz normalen
Linienflug von New York La Guardia nach Dallas/Fort Worth vor.
Ihre mit 144 Passagieren und 5 Crewmitgliedern besetzte Boeing 737 steigt bei gutem Wetter auf die Reiseflughöhe von 11.300 Meter.
Kurz vor Ende des Steigfluges, in knapp 10.000 Metern, erschüttert – völlig
ohne Vorwarnung – ein scharfer Knall das Flugzeug.
Schlagartig kippt die Maschine um fast 45 Grad nach links.
Ist das viel?
Ja, Sie als Passagier empfinden 25 Grad schon als steile Schräglage.
Im Cockpit schrillen mehrere
Alarme los. Die Ereignisse
überschlagen sich:
Feuerwarnung im linken Triebwerk, Totalausfall des linken Triebwerks, schnelle Dekompression der Kabine und eine unkontrollierte Rollbewegung begleitet von starken Vibrationen.
„I have control“ ist jetzt das erste, was der Kapitän ausruft. „You have control“ bestätigt Ellisor. Rollenklarheit ist jetzt überlebenswichtig.
Shults greift ein und dreht die Maschine zurück in die Normalfluglage.
Sie fliegt das Flugzeug!
Aviate – das ist jetzt die
wichtigste Handlung des Kapitäns.
Das Flugzeug muss gesteuert werden.
Nach dem Aufsetzen der Sauerstoffmaske leitet der Kapitän sofort einen Notabstieg auf 4.000 Meter ein, um in einer atembaren Atmosphäre zu fliegen.
Der erste Offizier
analysiert sofort die
Fehlermeldungen und legt die Triebwerkssysteme nach Notfallcheckliste still. Danach
prüft er die noch verbleibenden
Ressourcen.
Die
Kommunikation zwischen beiden ist
ruhig, klar, prägnant, offen und auf das Notwendige beschränkt.
Erst jetzt setzt Shults einen Notruf an die Flugleitstelle ab und beschreibt ganz knapp die Situation.
Der zuständige Fluglotse weiß sofort, was zu tun ist. Er räumt umgehend den Luftraum um die stark lädierte Boeing frei.
Als nach knapp 4 Minuten die Situation wieder unter Kontrolle ist, meldet die Kabine ein geborstenes Fenster und eine vermutlich lebensgefährlich verletzte Passagierin ins Cockpit.
Beide
Piloten bleiben im Cockpit! Sie haben einen Kabinenchef, der weiß, was zu tun ist.
Nach einem kurzen
FOR-DEC-Briefing mit Kabinenchef und 1. Offizier beschließt der Kapitän auf dem nächstmöglichen Flughafen, der volle Notfallausstattung hat, zu landen.
Das ist Philadelphia International Airport.
Knapp teilt Shults dem Fluglotsen ihre Entscheidung mit.
Sie hat als
Kapitän den
Hut auf, fordert an, stimmt ab und entscheidet letztlich, was abläuft.
Involviert sind jetzt:
Die Besatzung, die Flugleitstelle, der Flughafen Philadelphia mit allen Einrichtungen, die Polizei der Gebiete im vermutlichen Anflugsektor und alle umliegenden Krankenhäuser.
Alle sind in sekundenschnelle informiert und
wissen, was zu tun ist.
Trotz umfassender
Standardverfahren für Notfälle ist diese Situation nicht ausführlich genug in einem Handbuch abgebildet.
Nicht nur das Fenster ist durch wegfliegende Triebwerksteile zerstört, auch Steuerflächen und Rumpf scheinen beträchtlich in Mitleidenschaft gezogen.
Das Flugverhalten der Maschine und eventuelle Folgeausfälle sind ein Stück weit
unberechenbar geworden.
Aviate – Shults fliegt vor allem die Maschine.
Navigate – die Flugleitstelle unterstützt den 1. Offizier Ellisor bestmöglich bei der Navigation.
Communicate – Kapitän und Fluglotse
kommunizieren miteinander immer wieder kurz, ruhig und knapp die aktuelle Lage.
Shults informiert ihre Crew, der Fluglotse hat sofort bei Auslösen des Notfalls einen mithörenden Koordinator an die Seite bekommen, der sämtliche
Kommunikation nach außen (Flughafen, Sicherheitskräfte etc.) managt.
Der Kapitän hat einen Ansprechpartner am Boden,
einen einzigen!
Die
Rollen im Flugzeug sind sonnen
klar und verstanden.
Dort, wo kein Verfahren die Rolle vorschreibt, weil die Situation nicht im Handbuch vorkommt, werden die Rollen mit wenigen Worten festgelegt. Die lebensgefährlich verletzte Passagierin in der Kabine darf jetzt die Crew nicht von ihrem präzisen und richtigen Handeln ablenken. Eine einsetzende
Fehlerkette kann schnell das Leben aller anderen 143 Passagiere und 5 Besatzungsmitglieder kosten.
Auch die
Rollen am Boden sind
eindeutig und unmissverständlich klar.
Die
Kommunikation läuft
unaufgeregt, offen, sachlich und ohne Missverständnisse.
Unnötige Worte werden vermieden.
Emotionen und hierarchische Befindlichkeiten
spart man sich. Der
Kopf regiert das Geschehen.
Ein Großflughafen wie Philadelphia hat knapp 10 Minuten Zeit, bestmögliche Voraussetzungen für die kritische Notlandung der absturzgefährdeten Boeing zu schaffen.
Shults entscheidet sich nach Abstimmung mit ihrem 1. Offizier für einen langen geraden Endanflug, um das Flugzeug behutsam für die Landung konfigurieren zu können.
Die Landehilfen können nur zu einem geringen Teil ausgefahren werden, damit die Steuerfähigkeit nicht weiter eingeschränkt wird.
Die Aufsetzgeschwindigkeit ist nun über 300 km/h anstatt der normalen 240 km/h.
Die Bremsfähigkeit der sowieso schon stark beschädigten und schwer zu kontrollierenden Maschine ist massiv eingeschränkt, da die Schubumkehr nur rudimentär genutzt werden kann.
Die Bremsen drohen bei zu starkem Einsatz in Brand zu geraten und den aus dem geborstenen Triebwerk noch auslaufenden Restkraftstoff zu entzünden.
Ein ungeschicktes Aufsetzen des Flugzeuges bei dieser Geschwindigkeit kann zudem einen oder mehrere Reifen platzen lassen. Die Boeing droht dann unkontrollierbar, mit Formel-1- Geschwindigkeit, wie ein
Geschoss über das Flughafengelände zu rutschen und auseinanderzubrechen.
Das alles muss Shults für ihre Manöver einkalkulieren und die Bodencrew muss es berücksichtigen.
Um als Kapitän in dieser Situation jeden
unnötigen zusätzlichen
Stressfaktor auszuschalten kümmert sie sich nur um
eins: sie fliegt die Maschine –
aviate!
Ellisor als 1. Offizier und Pilot Monitoring
arbeitet ihr
zu und
achtet vor allem auf eventuelle
Fehler seiner Chefin. Er würde diese sofort, unaufgeregt und ohne Hemmungen kommunizieren,
ohne dass ihre
Autorität dabei auch nur im Geringsten
angezweifelt wäre.
Alle Anderen arbeiten ebenfalls dem Kapitän zu, nur das Nötigste, nur das was
wirklich wichtig ist wird kommuniziert.
Niemand verlässt seine Rolle. Jeder beherrscht seinen Job. Nur
regelmäßiges Training kann das sicherstellen. Jeder trägt in seiner Position
Verantwortung für richtiges und sicheres Handeln.
Die Landung gelingt der Crew
perfekt. Die Feuerwehr löscht einen kleinen Brand durch Restkraftstoff im zerstörten Triebwerk sehr schnell.
Kapitän, Feuerwehr und Kabinenchef stimmen sich kurz über die Evakuierung der Maschine ab. Shults entscheidet sich für einen normalen Ausstieg über Bordtreppen auf der „gesunden“ Seite der Boeing. Warum soll sie jetzt überreagieren und bei einem Notausstieg über Rutschen noch weitere Verletzte riskieren? Als letzte verlassen der 1. Offizier und der Kapitän das Flugzeug.
Die Zeit vom Eintritt des Notfalls bis zur Notlandung betrug gerade mal knapp 20 Minuten.
Erst nachdem alle Passagiere in Sicherheit sind, ist die Verantwortung des Kapitäns beendet.
Jetzt übernimmt der Einsatzleiter der US-Flugunfallbehörde
NTSB das Kommando über die Situation.
Auch hier:
klare Rollen, klare Verantwortlichkeiten zwischen den Behörden, der Flughafenverwaltung, der Airline und dem Hersteller des Flugzeuges und der Triebwerke.
Nur knapp 4 Stunden nach dem Vorfall stellt der Leiter der NTSB, Robert Sumwalt, in einer
Pressekonferenz öffentlich erste Erkenntnisse vor.
Es wird eine Materialermüdung an einer der Fanschaufeln vermutet.
Sehr kurze Zeit – keine 24 Stunden – später wird mit uneingeschränkter Unterstützung des betroffenen Motorenherstellers CFM die sofortige Untersuchung aller zu dieser Serie gehörenden Motoren angeordnet. Eingebunden ist die Flugsicherheitsbehörde in Frankreich, da CFM ein Gemeinschaftsunternehmen (USA-Frankreich) ist und die Motoren zu einem großen Teil in Frankreich produziert werden.
Was können Wirtschaft und Klinken daraus lernen?
Dieser unglückliche Vorfall mit einer toten Passagierin (im Krankenhaus leider verstorben) hätte sehr schnell und ohne ein
perfekt funktionierendes Crew-Resource-Management (CRM) 150 Tote und mehr zur Folge haben können.
Wäre das Flugzeug im Anflug auf das dicht bewohnte Gebiet gestürzt – man mag es sich nicht vorstellen.
Warum funktioniert das CRM in der Luftfahrt bei allen Beteiligten so gut?
Die
oberste Voraussetzung für das Gelingen in dieser
einzigartig fehlerarmen Führungs- und Arbeitskultur ist eine Atmosphäre der
psychologischen Sicherheit.
Niemand sucht Schuldige oder hat Bestrafung im Sinn,
keiner hat Angst.
Auch die Flugunfalluntersuchung hat nicht die Absicht, Schuldige zu finden und dafür Strafen oder Vorwürfe auszusprechen. Sie sucht
Ursachen für das Geschehene und hat nur ein Ziel:
Wiederholungsfälle vermeiden. Nicht mehr und nicht weniger.
Dabei steht die Nachricht im Mittelpunkt, nicht, von wem sie kommt.
Das WER ist für die Untersuchung nicht wichtig, sondern das WAS.
Nur in dieser psychologisch sicheren Umgebung gelingt es, die
Wahrheit schnell zu finden.
Nur so gelingt es, dass alle Handelnden nicht durch Angst vor Fehlern eingeschränkt werden.
Keiner hat Interesse daran, etwas zu vertuschen, Verantwortung abzuschieben, Nebelkerzen abzuschießen oder Schuldige zu suchen.
Alle arbeiten mit voller Konzentration auf die Sache.
Alle wissen: sie können und werden auch mal einen Fehler machen.
Dass mein Fehler nicht in einer
fatalen Fehlerkette endet, dafür habe ich mein Team, regelmäßiges Training der Verhaltensweisen im CRM sowie sorgfältig gepflegte Verfahrens-Anweisungen.
Das
Team kommuniziert immer
offen und
vertrauensvoll miteinander, ohne Vorwürfe, Schuldsuche und Bestrafung. Das gilt unabhängig von Stellung und Aufgabe.
Hierarchie und
Autorität sind da, sie sind jedem bewusst, aber sie blockieren nicht die offene und angstfreie Kommunikation.
Bei diesem Unfall liegt der Fehler vermutlich irgendwo im Fertigungsprozess des Triebwerkherstellers, vielleicht sogar an mehreren Stellen.
Trotzdem zeigt keiner der Akteure mit dem Finger auf ihn. Alle, inklusive der eventuelle Fehlerverursacher, arbeiten mit Leidenschaft und
Offenheit an der Ursachenforschung und an einer Verbesserung der Prozesse. Alle wollen die Wiederholung vermeiden,
alle wollen besser werden.
Vergleichen Sie diesen Vorfall mal mit Fehlern, die in
Unternehmen und
Kliniken gemacht werden. Namen spare ich mir mal ;)
Jetzt stelle ich die
Frage nochmal:
was können Unternehmen und Kliniken aus diesem Ereignis lernen? Sie wissen selbst die Antwort!