Vor einiger Zeit bin ich auf das
Thema „Team“ schon einmal eingegangen.
Die Frage war: was ist überhaupt ein echtes Team?
Jetzt habe ich
endlich ein echtes Team und schon beginnen oft wieder eine
Reihe von Irrtümern. Sie sind mir in meiner Berufslaufbahn schon häufig begegnet.
Irrtum Nr 1:
Ein „echtes Team“ ist auch ein erfolgreiches Team
Das ist in den meisten Fällen fraglich. Es ist zwar
unabdingbare Voraussetzung, dass ein erfolgreiches Team auch ein echtes Team ist. Doch das genügt bei Weitem nicht.
In der Weiterentwicklung des
Crew-Resource-Managements (CRM) begegnet mir das Thema Team immer wieder. Es ist auch in seiner 5. Entwicklungsstufe zentral präsent.
CRM ist letztlich wegen Teamversagen und nicht wegen menschlicher Einzelfehler geschaffen worden.
Einer der meist zitierten und bekanntesten Teamforscher, J. R. Hackman definiert in seinem Standardwerk
Leading Teams fünf Bedingungen für erfolgreiches Team:
1.
Es muss sich um ein echtes Team handeln
2.
Es muss ein erstrebenswertes Ziel geben
Dazu gehört eine erstrebenswerte und klare Vorstellung von der zu leistenden Arbeit und dem dazugehörigen Ziel
3.
Geeignete Struktur
neben einer geeigneten Arbeits- und Kompetenzstruktur brauche ich im Team eine klare Rollenverteilung
4.
Fördernde Organisation
meint, eine fördernde Umgebung im Unternehmen
5.
Team-Training
regelmäßiges, professionelles Training für Teamarbeit
Fehlt nur eine Bedingung, arbeitet das Team nicht optimal.
Bisher ist mir nur in der Luftfahrt ein stets alle Bedingungen erfüllendes Team begegnet.
Die weltweit einzigartig niedrige Fehlerquote der Luftfahrt-Teams spricht für sich.
Irrtum Nr. 2
Ein großes Team ist leistungsstärker als ein kleines Team
Diese Fehlannahme zieht sich in Unternehmen und Kliniken wie ein roter Faden durch die Organisation.
Schon der IBM-Spitzenmanager für das OS/360 Programm, Frederick Brooks stellte in den 60er Jahren fest, dass die Rechnung in Personenmonaten für Projekte oft zur Selbst-Blockade führt.
Er
verglich diese Fehlkalkulation mit der Schwangerschaft einer Frau. Ein Baby kann man nicht schneller bekommen, indem man 9 Frauen einen Monat lang schwanger sein lässt.
In der Teamforschung leitete er das heute noch gültige
Team-Gesetz ab, auch „Brooks Law“ genannt:
•
Vergrößere das Team bei Verzug des Zeitplans und das
Projekt verzögert sich noch mehr.
Hackman definiert die
richtige Teamgröße auf unter 10, idealerweise bei 6-7 Mitgliedern.
Zur gleichen Erkenntnis kommt auch der bekannte Psychologe
Ivan Steiner in mehreren Studien zur
idealen Gruppengröße und Teameffizienz.
So hat die
CRM-Forschung dazu festgestellt, dass
2-Mann Cockpits mindestens genau so sicher und effizient arbeiten wie Cockpits mit 3 oder 4 Funktionsträgern.
Eine
große Herausforderung an Teamkoordination stellt jetzt wieder die Doppelcrew-Strategie für 2-Mann Cockpits (es gibt in modernen Flugzeugen nichts Anderes mehr) auf Langstreckenflügen dar.
Ein
unglückliches Vermischen von Rollen und eine ungeeignete Positions-Besetzung kann im Cockpit zu
fatalen Folgen führen, wie der
Absturz von Air France Flug 447 über dem Atlantik im Jahr 2009 zeigte.
Zum Zeitpunkt des Unglücks
flogen zwei 1. Offiziere den Airbus A330, einer davon mit wenig Erfahrung, in einer
kritischen Wetterlage alleine.
Beide Kapitäne schliefen dabei zunächst in der Crewkabine.
Als der verantwortliche Senior-Captain den
fatalen Steuerfehler der Piloten erkannte, war es zu spät. Zu dieser Erkenntnis brauchte der Kapitän über 10 Minuten.
Das Unglück hatte
weitreichende Konsequenzen für die Ausbildung und Checks bestehender Cockpit-Teams.
Irrtum Nummer 3
Ein Team braucht keinen Teamleiter
Die Frage ist nach dem Stand der
Teamforschung eindeutig und klar beantwortet.
•
Brauche ich
ein Team, brauche ich auch
einen Teamleiter
Der Teamleiter kann, je nach Aufgabe und Art des Teams, operativ im Team tätig sein oder nur für die Teamführung verantwortlich sein – ohne eigene operative Aufgabe im Team.
Für den
Teamleiter gelten die gleichen Bedingungen, wie für ein erfolgreiches Team.
Hier begegnet mir in den Unternehmen oft Skurriles.
Irrtum Nummer 4
Ich brauche immer ein Team
In seinem Werk
Leading Teams weist Hackmann immer wieder auf die
Notwendigkeit der genauen und gewissenhaften Aufgaben- und Projektanalyse hin.
Es gibt durchaus Projekte, an denen zwar eine Reihe von Menschen parallel arbeiten, ein
Team jedoch
eher kontraproduktiv wäre.
Ein Team kann phasenweise nötig sein, im ganzen Prozess oder gar nicht. Das hängt von der genauen Projektform ab.
So arbeiten Komponist, Texter, Interpret und Produzent oft erst alleine, in der eigentlichen Komposition und Veröffentlichung des Stückes dann als Team.
Im
erfolgreichen CRM in Cockpit und Kabine
spielt das erfolgreiche Team eine
zentrale Rolle, mit einem Kapitän als Teamführer, der operativ in das Team eingebunden ist, in verschiedenen, wechselnden Rollen.
So wechseln die Akteure im Cockpit auf jedem Flug ihre Rollen, jeweils vom Pilot Flying zum Pilot Monitoring und umgekehrt.
Ihre
hierarchischen Positionen, Kapitän und 1. Offizier
bleiben dabei unangetastet.
Der Kabinenchef wechselt seine Rolle nicht, ist aber auch operativ eingebunden.
Ist ein
Check-Kapitän mit an Bord, tritt er
nur im Notfall ins Team ein, nach Zuweisung durch den amtierenden Kapitän des Flugzeuges. Er
beobachtet und bewertet ansonsten das gesamte Team
außerhalb der Teamorganisation.
Sie sehen,
jede Aufgabe oder jedes Projekt braucht eine sehr individuelle Teamgestaltung, oder eben auch keine, oder nur zeitweise ein Team.
Es lohnt sich in diese Analyse vor Beginn der Arbeit Zeit und Kompetenz zu investieren.
Das kommt leider oft in
Unternehmen, Behörden und Kliniken erheblich zu kurz – und dann wird´s teuer oder
kostet Menschenleben!
So
sterben in deutschen Krankenhäusern nach
Untersuchungen des AOK-Bundesverbandes 19.000 Menschen jährlich durch
vermeidbare Fehler, also klassisches menschliches Versagen.
Das wäre der
wöchentliche Total-Verlust eines vollbesetzten (300 Passagiere) Airbus A330 einer deutschen Airline im deutschen Luftraum.
Würden Sie dann noch ein Flugzeug besteigen?
Die
Medizin steht somit da, wo die Verkehrsluftfahrt Anfang der 1980er Jahre stand.
Bei
Unternehmen ist das nicht anders, es kostet hier jedoch „nur“ Geld und Arbeitsplätze.